Date of Graduation

2006

Document Type

Thesis

Degree Type

MA

Committee Chair

Cynthia Chalupa

Abstract

Jedenfalls ist seine, wie man sagte, „Vergangenheitsbesessenheit“ bei der Elternversammlung von fast allen Anwesenden gerügt worden“ (Mein Jahrhundert 138). Dieses Zitat aus Günter Grass´ Roman Mein Jahrhundert (1999) enthält einen wichtigen Aspekt der Erinnerung: Geschehnisse, Ereignisse und Vorfälle, die sich in der Vergangenheit zugetragen haben werden zum Gegenstand der Betrachtung. Grass´ Roman enthält einen wichtigen Aspekt der Geschichten und des Historismus, da er eine Verbindung zwischen subjektiven und objektiven Auffassungen der Geschehnisse herstellt und mit dieser Zusammenstellung und der historischen Denkweise das Problem der Geschichte erläutert. Die Kritiker des Historismus wollen die Geschichtswissenschaft zu einer historischen Sozialwissenschaft umgestalten und eine theoretische Fundierung entwickeln. Wurde am Historismus noch in früheren Jahren seine gleichwertige, relative Betrachtung aller historischen Ereignisse und der Aspekt der Einheit der Geschehnisse kritisiert, so wird dieser Relativismusvorwurf nun in der Diskussion umgekehrt: Nicht-Relativismus, der in Wirklichkeit als Handlanger des deutschen Nationalsozialismus fungiert, wird gegenwärtig kritisiert. Genau in diese Diskussion setzen auch die Kritiker von Günter Grass´ Roman Mein Jahrhundert ein, die ihm vorwerfen seine 100 Geschichten nicht nach dem Prinzip der Wichtigkeit der Geschehnisse zu schreiben und sehen Oberflächlichkeit und eine nicht nachvollziehbare Geschehnisbetrachtung in dessen Werk. Grass jedoch wählte gewissenhaft die etwa in gleicher Länge abgefassten Geschichten, die verschiedene Lebenssituationen in verschiedenen Zeiten unter unterschiedlichen Umständen darlegen, dabei aber trotzdem die historischen Einheiten der Geschichtlichkeit beibehalten und die deutsche Geschichte nicht zur „Ahnentafel des Nationalsozialismus“ (Taylor) degeneriert. Damit fasst Grass auch die Kernthese des Historikerstreits auf, der in der Mitte der achtziger Jahre von Geschichtswissenschaftlern wie Erich Nolte, Jürgen Habermas und Martin Broszat begonnen wurde und weitestgehend als ein „Plädoyer für eine Historisierung des Nationalsozialismus“ angesehen wird. Das Ziel dieser Arbeit ist es diesen Prozess der Debattierung über den Inhalt der Geschichte, deren Aufgabe und die des Historikers oder „historischen“ Autors bei der Einordnung, Berichterstattung und Interpretation von Geschehnissen anhand Günter Grass´ Mein Jahrhundert darzustellen. Besonders die Frage der politischen Fragwürdigkeit ist ein Thema in Grass´ Roman und anhand ausgewählter Abschnitte wird dessen Geschichtsbild, die Kritik an dem Historikerstreit und die Debatte um Reformen in der Geschichtstheorie deutlich.

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